Das Kindchenschema erobert die Modewelt

1965: Die Welt ist mitten im Kalten Krieg, die Beatles bringen mit Help! ihr 5. Album heraus, die Antibabypille kommt auf den Markt und France Gall gewinnt mit einem Lied von Serge Gainsbourg für Luxemburg den Eurovision Song Contest.

Die Welt im Umbruch. Nach dem 2. Weltkrieg, mussten die Menschen die Trümmer wegräumen und einen Weg finden wieder ins Leben zurückzukehren. Die Folge war ein Rückzug in vermeintlich „alte“ Werte. Das Leben musste neue geordnet werden. Die Frauen wurden aus dem Berufsleben zurück gestellt in die Küche und hatten sich fortan nurmehr um die Familie zu kümmern und den Männern nicht im Wege zu stehen.
Die Mode, geprägt von Christian Diors „New Look“ spiegelte all das wieder. Die Taille wurde geschnürt, die Röcke waren weit und unpraktisch, man trug Perlen und Twinset und verhielt sich im allgemeinen brav und anständig. Das erste Aufbegehren der Jugend empfand die Elterngeneration als verstörend und respektlos. Doch die rebellierende Bewegung der Jugend ließ sich nicht aufhalten. Demonstrationen an allen Ecken gegen ein altes Weltbild waren die Folge.

In London erblühte eine neue kulturelle Bewegung, die der Swinging Sixties. Das neue Zentrum hieß Carnaby Street. Hier konnte alles gekauft werden, was zum neuen Lifestyle nötig war. Mode, Musik und Drogen.

Als Lesliy Hornby die Modebühne betrat, war sie 16 Jahre alt und ließ sich aufgrund ihrer zarten Statur „Twiggy“, übersetzt „Zweiglein“ nennen. Ihre Story klingt wie aus einem Märchen, junges Mädchen geht 1965 zum Friseur und lässt sich chicen Bubikopf schneiden, Friseur macht Foto und stellt dies in seinem Geschäft aus, Modechefin eines bedeutenden Modemagazins geht vorbei, sieht das Foto, ist begeistert und macht aus dem Teenager das Gesicht der 1960er Jahre in London.

Bis heute betont Twiggy, dass ihr ihr Ruhm „passiert“ sei und sie ihn nicht aktiv forciert hätte. Das spielt insofern eine Rolle, da sich Twiggy weiterentwickeln wollte, Mode präsentieren war ihr zu wenig. Nach 4 Jahren stieg sie als Model aus, nahm Schauspielunterricht und feierte am Broadway im Stück „The One And Only“ und mit dem Film „The Boyfriend“, für den sie mit dem Golden Globe ausgezeichnet wurde, Erfolge. 

 

Bis heute wird Twiggy vorgeworfen, für das moderne Schönheitsideal der dünnen Frau verantwortlich zu sein. Aber da tut man ihr gewaltig Unrecht. Weder stand sie stundenlang im Fitnessstudio, noch kasteite sie sich selbst mit Nulldiäten. Sie passte einfach zufällig perfekt zum damaligen Zeitgeist. Einzig für ihren Look war Twiggy selbst verantwortlich. Anders als heute, gab es in den 1960er Jahren weder Visagisten noch Stylisten, die sich um die Looks der Models kümmerten. Twiggy musste sich ihr Make up selbst schminken und nicht nur das, sie kreierte es auch selbst. Stundenlang übte sie, bis die Striche unterm Auge präzise gezeichnet und die falschen Wimpern perfekt geklebt waren.
Nach den Nachkriegsjahren, in denen die Frauen mit üppigen Kleidern und eingeschnürter Taille ihre Weiblichkeit wieder entdeckten, durften die 1960er Jahre endlich nur Spaß machen. Ausgelebt mit aufgemalten Blumen, hoch toupierten Haaren und Perücken und Minikleidern in knallbunten Farben. Twiggy verkörperte all dies mit einer leichten Unbekümmertheit und sagt heute, dass dies die verrückteste Zeit ihres Lebens war. 

Mittlerweile ist sie 70 Jahre alt, nennt sich wieder Leslie (nach ihrer 2. Hochzeit) Lawson und lebt in einem altmodischen, viktorianischen Haus in London. Sie arbeitete als Designerin (für Marks & Spencer), saß ind der Jury von America’s Next Topmodel und schrieb ihre Autobiographie. In England wird sie nach wie vor wie eine Nationalheilige verehrt.