Ein Leben in Extremen

Sie lieferte die erste Nacktszene der Filmgeschichte, avancierte in Hollywood zum Sexsymbol, inspirierte Walt Disney‘s Schneewittchen-Look und erfand die Grundlagen unserer heutigen Mobilfunktechnologie.

Erst Jahre nach ihrem Tod erkennt man die Faszination und Tragik ihres außergewöhnlichen Lebens.
Mir fiel Hedy Lamarr schon während meiner Kindheit aus, als noch gar nicht so viele Fernsehsender zur Verfügung standen und die Abende mit dem Schauen alter Filmklassiker gefüllt waren. Für mich waren Filme aus den 1930er, 40er und 50er Jahren eine Selbstverständlichkeit und keine Besonderheit für Cineasten. Und selbstverständlich flimmerte Hedy Lamarr mehr als einmal über den analogen Bildschirm.

Ohne zu wissen, dass Hedy Lamarr ein Kind meiner Heimatstadt Wien war, faszinierte mich ihr eleganter Look: schwarze, wellige Haare von einem eleganten Mittelscheitel geteilt und den Blick auf ihr schönes Gesicht freigebend (ja, sorry, jetzt wird’s ein wenig schwärmerisch), blaue Augen, perfekte Augenbrauen (nicht zu dünn gezupft wie damals üblich, siehe Jean Harlow oder noch schlimmer Marlene Dietrich), und schwungvolle, rot geschminkte Lippen. Ihr schauspielerisches Talent hielt sich leider etwas in Grenzen, aber sie machte das eben mit ihrer Optik und einem Hang zur Theatralik wett.

Hedys Look wurde zum meistkopierten Stil in Hollywood. Auch Walt Disney kam nicht an ihr vorbei, als er ein optisches Vorbild für seine Version von Schneewittchen suchte.

Unbeschwerte Kindheit in Wien

Geboren wurde Hedy Lamarr als Hedwig Eva Maria Kiesler 1913 oder 14 (da scheiden sich die Geister und Quellen) als Tochter eines Bankdirektors und einer Konzertpianistin in Wien. Sie wuchs in einem klassisch großbürgerlichen Umfeld im Nobelbezirk Döbling auf, mit Bediensteten und der typischen Ausbildung einer höheren Tochter, Schweizer Internat inklusive. Ihr Weg war vorgezeichnet, gut heiraten unter ihresgleichen und Nachkommen zeugen, die beerbt werden können.

Jugendsünden

Aber Hedwig war äußerst freiheitsliebend und selbstbewusst. Sie war sich früh ihres guten Aussehens bewusst und wollte darauf aufbauend eine Karriere starten. Sie ging zum Film. Bereits mit 17 spielte sie neben Heinz Rühmann im Film „Man braucht kein Geld“. 1933 ergatterte sie mit 19 Jahren die Hauptrolle im tschechischen Stummfilm Ekstase. Der Film machte Furore und sorgte für einen Riesenskandal. Das erste Mal in der Filmgeschichte wurde nicht nur eine Nacktszene, sondern auch eine Sexszene gezeigt. obwohl dabei nur das Gesicht Hedys erkennbar ist, war der Skandal perfekt.

Laut Hedy Lamarr war der Orgasmus sogar echt, laut anderer Quellen wurde sie mehrmals mit einer Sicherheitsnadel gepiekt, um den richtigen Gesichtsausdruck zu zeigen. Da darf sich jeder seine Version aussuchen.
Obwohl ein Skandal, wird der Film zunächst dennoch gezeigt, in ausgesuchten Kinos und mit dem Verweis „Jugend verderbend“. Erst danach lässt Hitler ihn verbieten.

Im goldenen Käfig

Allerdings wandte sie sich, einst Protegé von Max Reinhardt, wieder ihrer Familie zu, die sie mit dem schwerreichen Waffenproduzenten Fritz Mandl verheirateten.
Er sah in Hedwig die klassische Trophy Wife und verbot ihr die Schauspielerei, die, wie er meinte, einer Ehefrau nicht würdig war. Er kaufte sämtliche Kopien des Films Ekstase auf und versuchte ihre Vergangenheit „reinzuwaschen“.

Eine Weile gefiel sich Hedwig als vorzeigbare, schöne Ehefrau eines mächtigen und reichen Industriellen. Als hübscher Aufputz saß sie regelmäßig zwischen all den mächtigen Männern, mit denen Mandl verkehrte und lauschte den Gesprächen über Waffenschiebereien, Kriegsvorbereitungen und technischen Details der Waffenfabrikanten. Den Männern kam nicht einmal die Idee, eine Frau könnte mit all den Dingen etwas anfangen und so plauderten sie recht freimütig alle Details ihres Geschäftes aus. Hedwig machte sich diesen Umstand zunutze, sie blieb ruhig und lauschte. 

Das schönste Mädchen der Welt

Obwohl zum Katholizismus übergetreten, wurde Hedwig ihre jüdische Herkunft durch die ständige Anwesenheit von Nazigrößen in ihrem Haus, sehr bewusst. In einer Nacht- und Nebelaktion floh sie zuerst nach Paris und dann nach London, wo sie auf den Filmproduzenten Louis B. Mayer traf, der sie unter Vertrag nahm. Mayer machte aus Hedwig Kiesler Hedy Lamarr in Anlehnung an den Stummfilmstar Barbara La Marr, und nannte sie „das schönste Mädchen der Welt“.

Aber Hedys Talent hielt sich in Grenzen, sie war wenig ambitioniert und galt schnell als schwierig. Ihre Rollen bauten auf ihr Aussehen auf, nicht auf ihr Können. 

Eine geniale Erfindung

Hedy besaß immer noch all das Wissen, das sie während der Abende in Mandls Haus angesammelt hatte. Während einer der vielen Parties in Hollywood traf sie 1940 auf den Komponisten George Altheil. Sie kamen ins Gespräch und entdeckten ein gemeinsames Ziel: den Alliierten zu helfen besser miteinander zu kommunizieren ohne ausspioniert werden zu können. Der Legende nach, lagen sie während die anderen Partygäste feierten, auf dem Teppich in einem abgelegenen Zimmer und entwarfen ihre Idee der Hopping Frequency. Sie konstruierten ein entsprechendes Gerät und meldeten es 1942 zum Patent an, um es anschließend dem US-Militär zu verkaufen. Doch das Gerät war schwerfällig und hätte noch etwas Entwicklung gebraucht, und das Militär lehnte ab. Erst Jahre nach Ablauf der Patentrechte kaufte das US-Militär Lamarrs und Altheils Erfindung, und setzte eine weiterentwickelte Form erstmals 1962 in der Schweinebucht in Kuba ein.

Absturz und Ende einer Diva

Für Hedy saß die Kränkung enorm tief. Für sie hieß das, dass sie sich entscheiden musste. Zwischen ihrem Auftritt als Schönstes Mädchen der Welt oder ihrem Ruf als ernstzunehmende Erfinderin. Da sie auf diesem Gebiet gerade scheiterte, entschied sie sich nun ganz auf ihr Aussehen zu setzen. Sie verstand es von ihrer Intelligenz abzulenken und die geistlose Schönheit zu geben. Sie wollte diesen Ruf nicht gefährden, mit dem sie große Erfolge verbuchen konnte und gab sich fortan dümmer als sie war. Aufgrund ihres mangelnden Schauspieltalentes ging diese Rechnung jedoch nur für kurze Zeit auf. Hedy drehte hauptsächlich seichte Komödien, ihr erster und einziger Farbfilm „Samson und Delilah“ blieb ihr größter Erfolg. Als ihre Schönheit anfing zu verblühen, blieb auch der Erfolg aus.

6 mal war Hedy verheiratet, keine der Ehen hielt, 3 Kinder bekam sie, auch das Verhältnis zu ihren Kindern war bis zuletzt äußerst schwierig. Mit zahlreichen Schönheitsoperationen zerstörte sie ihr Gesicht und damit ihre Existenzgrundlage. 1965 wurde sie beim Ladendiebstahl erwischt und lieferte vor Gericht eine ihrer letzten Vorstellungen. Ihrem Interesse an Technik blieb sie bis zuletzt treu.

Erst in den 1990er Jahren kam die späte Anerkennung. 1997 erhielt Hedy den EFF Pionier Award, der ihre und Antheils Erfindung würdigte. Hedy quittierte diese Auszeichnung mit einem lapidaren: „Das wurde aber auch Zeit“. In Österreich, Deutschland und der Schweiz gilt Hedys Geburtstag, der 9. November als Tag der Erfinder.
2000 verstarb Hedy Lamarr. 2014 erhielt sie ein Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof. Eine Installation würdigt ihr Werk als Erfinderin.